Freitag, 4. Mai 2012

Interview mit dem Leiter der Syrian Social Nationalist Party (SSNP) Ali Haidar, dessen Sohn am Vortag getötet wurde

 
Radikal: Das Regime hat Waffen gegen die Opposition eingesetzt. Hat das die Opposition nicht ermutigt, das gleiche zu tun?
Haidar: Nein, nie. Das Regime hat keine schweren Waffen eingesetzt und friedliche Demonstrationen seit Monaten nicht gestört. Außerdem haben sich mehr als 30 Oppositionsgruppen geweigert, zu den Waffen zu greifen. 

Radikal: Was ist dann die Grundlage für die Teilung des Landes?
Haidar: Im Laufe der Geschichte haben alle Bürgerkriege mit Zerfall geendet. Allerdings ist Syrien noch nicht an diesem Punkt. Wir sollten jetzt anerkennen, dass ein Sieg einer der beiden Seiten keine Lösung bringen wird. Alle Syrer sollten einen Dialog beginnen. Weiterer Konflikt wird nur zu ausländischer Intervention einladen. Nach den Erkenntnissen, die meine Partei gesammelt hat, haben die bewaffneten Gruppen ihre Waffen und das Geld von ausländischen Mächten erhalten.

Radikal: Woher kommen die Waffen?
Haidar: Die Waffen kommen von der türkischen Grenze, der Quriya-Region an der Grenze zum Irak und dem Tal Wadi Khaled in Lebanon. Das ist eine Tatsache. Der libanesische Zweig unserer Partei war in der Lage, Informationen über ein Trainings-Camp zur Ausbildung bewaffneter Gruppen im libanesischen Distrikt Akkar zu sammeln. Das Lager ähnelt dem palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bareed. Es gab auch ein Lager in Jordanien, aber Amman hat es geschlossen, denn die Dinge haben sich ungünstig für Jordanien entwickelt. Die USA haben auch ein Lager an der Grenze zwischen Jordanien, Syrien und dem Irak eingerichtet. Die bewaffneten Oppositionsgruppen wurden in diesem Lager von den Amerikanern ausgebildet. 

Radikal: Ist das jetzt noch so?
Haidar: Ich habe keine detailierten Informationen darüber, was jetzt dort vor sich geht. Aber es muss angemerkt werden, dass sowohl leichte als auch schwere Waffen, die in Israel produziert werden, nach Syrien geschmuggelt wurden. 

Radikal: Welche Rolle spielen Qatar und Saudi-Arabien? Während die Qataris die Salafisten unterstützen, sind die Saudis auf Seiten der Wahhabiten. Wie zeigt sich dieser Wettbewerb in Syrien?
Haidar: Qatar und Saudi-Arabien konkurrieren seit über 30 Jahren bei der Frage, wer die US-amerikanischen Interessen in der Region wirklich vertritt. Dieser Wettbewerb wurde verstärkt, als die USA begannen, sich Qatar mehr zuzuwenden. Qatar ist weniger kostspielig und leichter für die USA zu händeln, während Saudi-Arabien einige innenpolitische Themen zu bewältigen hat. Qatar ist mehr ein Unternehmen als ein Staat. Die Einheimischen machen nur 40% der Bevölkerung aus. Wenn es allerdings um Syrien geht, gibt es keine Konkurrenz zwischen diesen beiden Ländern. Es ist eher eine Koalition, in der jedes Land seine eigenen Gruppen unterstützt. 

Radikal: Spielt die Hisbollah eine Rolle?
Haidar: Hisbollah spielt in Syrien keine Rolle, sie haben keine Mitglieder in Syrien. Im Libanon ist ihre Hochburg im Süden. Syrien und Iran haben langjährige Beziehungen, aber es gibt keinen einzigen iranischen Soldaten in Syrien. Der Iran gewährt allenfalls wissenschaftliche und finanzielle Unterstützung.
Radikal: Was denken Sie über den „Syrischen Nationalrat“?
Haidar: Der „Istanbuler Rat“ hat nichts mit Syrien zu tun. Er repräsentiert nicht das Volk. Die wirkliche Opposition ist hier. Wie die westlichen Medien, die nie über die wirkliche Opposition sprechen, spricht auch das Regime hier nicht über die wirkliche Opposition. 

Radikal: Wird der Annan-Plan gelingen?
Haidar: Das hängt von der Politik fremder Mächte ab. Eine mögliche Versöhnung Russlands und Chinas mit den USA ist wichtig. Die USA suchen einen Weg aus der Situation, da ihr Plan gescheitert ist. Und auch die Russen suchen nach einer Lösung, die den USA gerecht wird. Doch während die USA mit den Russen sprechen, bitten sie gleichzeitig Saudi-Arabien und Qatar, die bewaffneten Gruppen zu unterstützen.Die USA versuchen, den größtmöglichen Vorteil aus dieser Krise zu ziehen. 

Radikal: Kann die Türkei bei der Lösung der Krise helfen?
Haidar: Die Rolle der Türkei ist bisher nur negativ. Sie scheiterte dabei, neutral zubleiben und nahm eine sektiererische Haltung ein. Sie nahm eine zu den USA parallele Haltung ein. Sie ignorierte die reale Opposition und trat nicht in einen Dialog mit uns. Wir haben uns mit politischen Parteien in der Türkei getroffen. Die Regierung weiß von unserer Anwesenheit, aber sie unterlässt es, uns zu kontaktieren. Die Regierung bevorzugt die Unterstützung bewaffneter Gruppen. Die Türkei hat der internationalen Gemeinschaft den „Istanbulser Rat“ als einzigen Vertreter des syrischen Volkes präsentiert. Die Türkei sollte ihre Politik rückgängig machen. Sie sollte gegenüber den verschiedenen Seiten, die das syrische Volk repräsentieren, neutral bleiben und sich auf eine politische Lösung konzentrieren. Die Türkei spricht nicht wirklich von einem Dialog.

Quelle: http://www.al-monitor.com/pulse/security/01/04/the-real-opposition-is-sacrifice.html 
http://www.radikal.com.tr/Radikal.aspx?aType=RadikalDetayV3&ArticleID=1085605&CategoryID=81 

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